Die Kieler Liliencron-Dozentur für Lyrik

Die dem Kieler Dichter Detlev von Liliencron gewidmete Dozentur wurde 1997 zum ersten Mal verliehen. Sie ist die einzige Poetikdozentur Deutschlands, die sich ausschließlich der Lyrik widmet. Als gemeinsames Projekt des Literaturhauses Schleswig-Holstein e.V. und des Instituts für Neuere Deutsche Literatur und Medien in der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel verbindet sie literarisches und akademisches Leben.

Gegründet wurde die Dozentur von Heinrich Detering, der, kurz nachdem er 1995 auf eine Professur am Kieler Institut berufen wurde, vom Kultusministerum den Auftrag erhielt, „eine Belebung des literarischen Lebens in Kiel“ und „eine Öffnung der Universität zur literarischen Öffentlichkeit hin“ anzustoßen. #1 Für Detlev von Liliencron als Namensgeber sprach, so Detering, vieles:

Liliencron ist Kieler, und er hat sich auf diesen Herkunftsort oft berufen – nicht immer schmeichelhaft, aber immer leidenschaftlich. In einer Stadt, in der damals nach meinem Geschmack zu häufig der Satz ›Holsatia non cantat‹ zitiert wurde, verdient schon das eine nachdrückliche Erinnerung. [...] Liliencron ist eine überlebensgroße Figur auf der Schwelle zur Moderne. Gerade deren emphatischste Vertreter, von Rilke über Hofmannsthal bis zu Thomas Mann, haben ihn als Lehrer und Vorbild, manchmal sogar als eine – etwas sonderbare, aber gerade darum so liebenswerte – Vaterfigur empfunden. Und viele der Impulse aufgenommen, die er gegeben hat.

Ole Petras (Hg.): Poetische Konturen. Materialien zu 20 Jahren Kieler Liliencron-Dozentur für Lyrik. Kiel: Ludwig 2018, S. 28.

Der Ablauf der Dozentur veränderte sich über die Jahre. Anfänglich standen drei aufeinander aufbauende Poetikvorlesungen, eine Lesung sowie ein Seminar auf dem Programm. Studierende der CAU konnten mit dem Besuch aller Veranstaltungen einen Leistungsnachweis erwerben. Heute setzt sich die Dozentur aus einer werkübergreifenden Lesung‹, einem Vortrag zur Poetik und einem Podiumsgespräch zusammen und ist nicht mehr Teil des Curriculums. Wolfgang Sandfuchs, langjähriger Leiter des Literaturhauses Schleswig-Holstein, erinnert die Transition:

Ab 2002 kam zu dem universitären Programm eine Werklesung der Dozenten hinzu, ›Querbeetlesung‹ nannte Oskar Pastior das später. Dieses mehr dem Literaturhaus gemäße Format bietet das einmalige Erlebnis, einen Dichter von seinen Anfängen bis hin zu den aktuellsten Publikationen und noch unver­öffentlichten Gedichten zu verfolgen, ein gut einstündiger lyrischer Parforceritt, ausgewählt, gelesen und kommentiert vom Dichter. Das legte den Grund für das Kieler Publikum (Literaturwissenschaftler und Studierende wie interessierte Bürger), an den Folgetagen die poetologischen Selbstvergewisserungen in den Vorlesungen der unterschiedlichsten deutsch­sprachigen Dichter kennenzulernen und am letzten Tag zu diskutieren. Die Studierenden konnten ihre Eindrücke in einem Seminar, ich selbst in der persönlichen Begleitung vertiefen.

Ole Petras (Hg.): Poetische Konturen. Materialien zu 20 Jahren Kieler Liliencron-Dozentur für Lyrik. Kiel: Ludwig 2018, S. 15.

Traditionell sucht sich die DozentIn eine GesprächspartnerIn für den letzten Abend aus. So war etwa Marion Poschmann, bevor sie 2020 selbst ausgezeichnet wurde, bereits 2006 als Gesprächspartnerin von Michael Lentz im Kieler Literaturhaus zu Gast. 

Erste Preisträgerin war Doris Runge, die, so Heinrich Detering, „sowohl geographisch als auch in ihrer Poesie, dieser zauberischen Verbindung von Märchenträumen, Alpträumen und Ironie, gewissermaßen eine Nachbarin Liliencrons ist.“ (PK, 29) Es folgte Raoul Schrott, der, als er ein Jahr später mit dem Peter-Huchel-Preis ausgezeichnet wurde, Teile seiner zweiten Liliencron-Vorlesung zur Dankesrede machte. 1999 wurde der in Kiel geborene Dirk von Petersdorff Liliencron-Dozent. Er erinnert die Woche in seiner alten Heimat als gut besucht und „sehr lebendig“; ihn freute „eine solche Anerkennung durch die Universität, an der man studiert hat“. (PK, 37) Es sei, so Petersdorff weiter, „gelegentlich gut, wenn man zum Nachdenken über die eigene Grundlagen gezwungen“ werde. (PK, 38) Teile der Poetik­vorlesungen von Doris Runge, Raoul Schrott und Dirk von Petersdorff wurden von Heinrich Detering und Michael Roesler-Graichen 1999 als Sonderdruck herausgegeben, was leider keine Tradition begründete. #2 Anders als die Poetikdozenturen in Tübingen oder Frankfurt begleitet die Liliencron-Dozentur bislang keine Publikationsreihe.

Die Auswahl der PreisträgerInnen erfolgte damals wie heute von einer Jury, die sich aus VertreterInnen des Literaturhauses, der Universität und der Literaturszene Kiels zusammensetzt. Stilistische Vorgaben gibt es keine, im Gegenteil: die lange Liste der Liliencron-DozentInnen offenbart eine große Bandbreite der Genres und Schreibweisen. So findet sich die von Doris Runge eröffnete Traditionslinie des hermetischen Gedichts in der Tendenz bei Ulrike Draesner (2005) oder Brigitte Oleschinski (2007) wieder und vertreten arrivierte Avantgar­disten wie Oskar Pastior (2004), Franz Josef Czernin (2010), Elke Erb (2016) oder Michael Lentz (2006) die sich bis zur Lautpoesie auswachsende experimentelle Lyrik. F.W. Bernstein (2009) oder Arne Rautenberg (2013) ergründen Text- und Bildbe­ziehungen, während Dagmar Leupold (2002), Ilma Rakusa (2003) oder José F. A. Oliver (2019) die Lyrik zum Medium illustrer Kulturkontakte machen.

Aber es gibt auch ›klassische‹ Genres wie die von Harald Hartung (2001) oder Marion Poschmann (2020) verfasste Naturlyrik, die Erinnerungs­poesie von Dirk von Petersdorff (1999), Heinrich Detering (2012) oder Monika Rinck (2015), Erzählgedichte von Thomas Rosenlöcher (2000), Marcel Beyer (2008) oder Raoul Schrott (1998) und schließlich AutorIn­nen, die Schreibweisen der Populärkultur bedienen und zum Teil in politische Dimen­sionen vorstoßen wie etwa Nora Gomringer (2011), PeterLicht (2018) oder Max Czollek (2021).

Für die Liliencron-Dozentur gilt insofern gleichermaßen, was der 2013 ausgezeichnete und kurz darauf in die Liliencron-Jury berufene Dichter Arne Rautenberg über sein Schreib­programm sagt:

Ich bin ein Meister des Zulassenkönnens. Was kommt, das kommt. Ich habe kein Programm, sondern gehe dahin, wo meine Ideen mich hinhaben wollen. Das ist dann auch für mich beim Schreiben spannend. Weil ich nicht weiß, was passiert. Nicht selten bin ich selbst über mich überrascht, von einem Ausdruck, der aus meiner Dunkelheit, meiner Tiefe kommt. Und es ist auch ein tröstlicher Gedanke, dass all die Gedichte, die ich in den letzten dreißig Jahren geschrieben habe, so etwas wie mein emanzipiertes Tagebuch sind.

Ole Petras (Hg.): Poetische Konturen. Materialien zu 20 Jahren Kieler Liliencron-Dozentur für Lyrik. Kiel: Ludwig 2018, S. 48.

Auch Dirk von Petersdorff schätzt die Vielfalt der lyrischen Zugänge:

Die Dozentur spiegelt die Entwicklung der jüngeren Lyrik, die vielstimmig ist. Diese Vielstimmigkeit empfinde ich grundsätzlich als befreiend. Dann gibt es Positionen, die einem selbst näher stehen, und andere, mit denen man sich auseinandersetzt, und es gibt Autoren, deren Weg man beobachtet, mit Respekt oder Bewunderung. PeterLicht scheint mir zu den Autoren zu gehören, die von außen in die Lyrik kommen, aus dem Feld des Pop, und von dort bringt er eine sehr genaue Gegenwartsbeobachtung mit. Diese Autoren sind weniger selektiv, in ihrer Weltwahrnehmung und ihrer Sprachbehandlung, und das finde ich reizvoll.

Ole Petras (Hg.): Poetische Konturen. Materialien zu 20 Jahren Kieler Liliencron-Dozentur für Lyrik. Kiel: Ludwig 2018, S. 42.

Zum 20. Jubiläum haben Studierende des Instituts für Neuere Deutsche Literatur und Medien eine Sonderausstellung erarbeitet, die versuchte, die Poetischen Konturen der derart vielgestaltigen Dozentur nachzuzeichnen. #3 Im Zentrum stand dabei die Vermittlung lyrischer Texte in Selbst- und Fremdkommentaren sowie persönlichen Lesezeichen. Die Ausstellung begleitete die Dozentur von PeterLicht und wurde im Rahmen eines Podiums­gesprächs ehemaliger Preisträger eröffnet. „Es gibt“, so konstatiert Ruth Bender von den Kieler Nachrichten in der begleitenden Publikation,

eine Sehnsucht, dem Dichter hinter die Stirn zu schauen. Zu erfahren, wo er seine Ideen findet, und wie diese zu Worten, Zeilen, Versen werden. Gedichte haben ja immer auch ein Rätsel. Es ist also aufregend, wenn Dichter Türen öffnen hinter die Texte.

Ole Petras (Hg.): Poetische Konturen. Materialien zu 20 Jahren Kieler Liliencron-Dozentur für Lyrik. Kiel: Ludwig 2018, S. 21.

Die Liliencron-Dozentur ist in diesem Sinne immer einzigartig: jede Dozentur für sich, und in der Gesamtschau der ausgezeichneten DichterInnen. „Keine Literaturform für Weltflüchtige“, so Ruth Bender weiter, „sondern Lebenselixier“.

14.11.2021 Ole Petras

ANMERKUNGEN

1 Ole Petras (Hg.): Poetische Konturen. Materialien zu 20 Jahren Kieler Liliencron-Dozentur für Lyrik. Kiel: Ludwig 2018, S. 27. Im Folgenden wird dieser Band mit der Sigle PK sowie der Seitenzahl zitiert.

2 Heinrich Detering, Michael Roesler-Graichen (Hg.): Die Kieler Liliencron-Dozentur für Lyrik 1997-1999. Mit Texten von Doris Runge, Raoul Schrott und Dirk von Petersdorff. Sonderdruck: Kiel 1999.

3 Petras, Poetische Konturen (wie Anm. 1).

Liliencron-Dozent:innen seit 1997

Eine Übersicht mit Jurybregründungen

2026 — 28. Liliencron-Dozentur: Tom Schulz
Tom Schulz zählt zu den wichtigsten Stimmen der deutschen Gegenwartslyrik. Sehen und Erinnern, das Sprechen gegen das Vergessen und ein waches, scharfes Bewusstsein für die globale Verantwortung unserer Zeit prägen seine Gedichte. Mit großer sprachlicher Präzision und einem tiefen Gespür für gesellschaftliche und ökologische Themen öffnet er neue Perspektiven auf die Gegenwart und verbindet romantische Emphase mit poetischer Schärfe. Zwischen eindringlichem Naturerleben und politisch bewusster Darstellung von Geschichte und Gegenwart gelingt es ihm, Bewusstsein für die Schönheit und die Gefährdung unserer Welt zu schaffen.

Seit vielen Jahren ist Tom Schulz zudem erfahrener Dozent für Kreatives Schreiben und Lyrikworkshops an verschiedenen Hochschulen und literarischen Einrichtungen. Tom Schulz, geboren 1970 in der Oberlausitz, aufgewachsen in Ost-Berlin, lebt in Berlin und Italien. Er schreibt Lyrik, Prosa, Reportagen, Essays, Kritiken, arbeitet als Herausgeber und Dozent für Kreatives Schreiben. Zu seinen letzten Lyrik-Veröffentlichungen gehören: Die Verlegung der Stolpersteine (2017) und Reisewarnung für Länder Meere Eisberge (2019) sowie Die Erde hebt uns auf (2024). 2024 erschien darüber hinaus Briefe aus der Roten Wüste / Lettere dal deserto Rosso (zusammen mit Maria Borio). Für sein Werk erhielt er zahlreiche Stipendien und Preise, u.a. das Aufenthaltsstipendium Deutsches Studienzentrum Venedig (2018), den Preis des PEN Liechtenstein für Lyrik (2016) und den Alfred-Gruber-Preis beim Lyrikpreis Meran (2014). Im Januar 2026 erschien sein Gedichtband Salz und Erinnern. (Quelle: https://www.ndl-medien.uni-kiel.de/de/forschungsprojekte/liliencron-dozentur-fuer-lyrik)

3. Liliencron-Nachwuchspreisträger:in: Lorelei Löffler
Im Rahmen der Kieler Liliencron-Dozentur 2026 wird außerdem zum dritten Mal der Liliencron-Nachwuchspreis für Lyrik aus Schleswig-Holstein verliehen. Preisträgerin des im Rahmen eines Projektseminars des Instituts für Neuere Deutsche Literatur und Medien der CAU Kiel vergebenen Preises ist Loreley Löffler, geboren 2007 in Goslar. Die in Elmshorn lebende vielseitige Lyrikerin möchte nach dem Abitur Philosophie und Germanistik studieren. Mit dem Schreiben begann sie früh und gewann mit ihren Kurzgeschichten bereits 2023 und 2025 den Jungen Literaturpreis Schleswig-Holstein. Loreley Löffler schafft mit großer Sensibilität für Doppeldeutigkeiten und Klangqualitäten noch der alltäglichsten Wörter Texte, die auch nach mehrfacher Lektüre immer wieder neue Facetten offenbaren. Sie arbeitet in ihren Gedichten mit Humor und einprägsamen Bildern, während sie thematisch die Spannungsfelder zwischen Verfall, obsessiver Bewahrung und Schicksalsergebenheit erkundet.

2025 — 27. Liliencron-Dozentur: Heinz Janisch 
Heinz Janisch ist ein Brückenkopf, der zwischen der kinderlyrischen Nachkriegs-Generation von James Krüss, Josef Guggenmos und Christine Nöstlinger und den jüngeren Stimmen steht, welche die Kinderlyrik in den letzten Jahren beleben. Diese Kinderlyrik-Szene hat Heinz Janisch viel zu verdanken, denn er hat die Kinderlyrik von allerlei lautem Piffpaffpuff, von Zeigefinger und von Muff befreit. Heinz Janischs Poesie führt wie eine Fahrradschnellstraße ins Reich der Phantasie! Heinz Janisch ist ein Meister der kurzen Form: mit seiner besonderen Gabe, die Welt durch die Augen der Kinder zu schauen und ganz normale Dinge auf überraschende, freche Weise zu drehen, begeistert er Kinder wie Erwachsene gleichermaßen. Heinz Janisch, 1960 in Güssing im Burgenland geboren, studierte Germanistik und Publizistik in Wien, wo er heute auch lebt. Seit 1982 arbeitet er beim ORF-Hörfunk und gestaltet und moderiert Hörfunksendungen. Er schreibt sowohl für Kinder als auch für Erwachsene. Für seine Bücher wurde er vielfach ausgezeichnet, u. a. mit dem Bologna Ragazzi Award und dem Österreichischen Kinder- und Jugendbuchpreis. 2024 wurde er mit dem internationalen Hans-Christian-Andersen-Preis ausgezeichnet und damit für sein Lebenswerk geehrt. (Quelle: https://www.ndl-medien.uni-kiel.de/de/forschungsprojekte/liliencron-dozentur-fuer-lyrik)

2. Liliencron-Nachwuchspreisträger:in: Dara Brexendorf
Dara Brexendorf schreibt Gedichte mit Ortsbezug zu Kiel, die kleine Geschichten erzählen. Um verschiedene markante Plätze der Stadt wie das blaue Hochhaus oder die Schlummernde im Schrevenpark entwickelt sie die Themen ihrer Texte. Brexendorf nutzt dabei intertextuelle Verweise – etwa auf den Mythos der „Lady Godiva“ in ihrem gleichnamigen Gedicht – oder spielt mit Sprache und Konzepten, die an die Epoche der Romantik erinnern. In Brexendorfs Texten kommt der graphischen Ebene eine wichtige Rolle zu, die einzelnen Strophen ihrer Texte werden geradezu ping-pong-artig über die Seiten verteilt. Onomatopoetische Mittel, hier vor allem in „Die Schlummerende“, lenken die Aufmerksamkeit wiederum auf die klangliche Ebene der Gedichte.
Dara Brexendorf baut in ihren Texten Brücken zwischen Vergangenem, Gegenwart und Zukunft und erreicht damit die Öffnung aktueller Diskurse innerhalb schon fast melancholisch scheinender Szenerien. Das von Abrissplänen bedrohte blaue Hochhaus, das wie ein Chamäleon die Farben ändert und in den Augen der mit „sie“ bezeichneten Person im Gedicht die Stadt hütet, wirft Fragen auf zum anthropozänen Umgang mit Denkmälern, Architektur und Artefakten. Das Gedicht „Die Schlummernde“ stellt der Schnelllebigkeit des modernen Alltags das Bild der beständig schlummernden Statue im Schrevenpark gegenüber und reflektiert dabei klischeehafte Rollenbilder. „Lady Godiva“ verknüpft den Umgang mit Erinnerungen eines lyrischen Ichs anhand eines porzellanenen Abbilds jener Mythosfigur mit Themen wie Emanzipation, aber auch Altersarmut. Die detailgenaue bildhafte Sprache der Gedichte ermöglicht es den Rezipient*innen, sich in die Szenerien hineinzuversetzen, und eröffnet zugleich lebendige und tiefgreifende Imaginationsräume, die beeindrucken. (Quelle: https://www.ndl-medien.uni-kiel.de/de/forschungsprojekte/liliencron-dozentur-fuer-lyrik)

2024 — 26. Liliencron-Dozentur: Anja Kampmann 
Die 26. Liliencron-Dozentur ehrt eine bereits mehrfach ausgezeichnete Lyrikerin, deren Gedichte ebenso wie ihr Debütroman der deutschen Gegenwartsliteratur eine neue eigenständige Stimme verleihen. Für die gegenwärtigen Themen unserer Zeit findet die Autorin feine, klare, mikrologische Bilder und setzt der Zerstörung, der Veränderung der Umwelt durch den Menschen, Gedichte von eigener sprachlicher Schönheit entgegen. Die 1983 in Hamburg geborene Autorin studierte an der Universität Hamburg und am Deutschen Literaturinstitut. 2016 veröffentlichte sie ihr Lyrikdebüt »Proben von Stein und Licht«, 2018 folgte ihr erster, gleich in mehrere Sprachen übersetzter Roman »Wie hoch die Wasser steigen«, für den sie unter anderen den Mara-Cassens-Preis für das beste Romandebüt erhielt. Ihr viel beachteter Gedichtband »Der Hund ist immer hungrig« erschien 2021.

1. Liliencron-Nachwuchspreisträger:in: Franziska Ostermann
Franziska Ostermann spürt der Fragilität des Menschen in einer sprachlich hochkomplexen und zugleich tief berührenden Art nach. Das eigentlich Unsagbare erhält in ihrer Lyrik Worte. In ih-rem 2018 erschienenen Gedichtband »OSZIT« gelingt es der jungen Autorin mit ihren Texten Abstraktion und konkret greifbare Situationen miteinander zu kombinieren.
Das Einbeziehen einer visuellen Ebene sowie wiederkehrende Stilelemente tragen dazu bei, dass ihre einzelnen Gedichte eine lyrische Symbiose eingehen. Durch Originalität, sprachliche Raffinesse und vielschichtige inhaltliche Tiefe gelingt es der Autorin, Räume des Trostes und Reflektierens zugleich zu öffnen. Stilsicher und empfindsam integriert sie Vergangenheit und Gegenwart in einer sprachlich verdichteten Weise. Sich kunstvoll überlagernde semantische Ebenen machen den Leseprozess durch die detaillierte Zeichnung unterschiedlicher Oberflä-chen und Klänge zu einem nahezu synästhetischen Erlebnis.
Dabei finden die Themen Zeit, Vergänglichkeit, Kindheit und Tod, aber auch metasprachliches Reflektieren über gegenwärtige (Nicht-)Kommunikation ihren Platz. »Ich möchte eine Erinne-rung sein, die immer fort neugeboren wird« – eine Erinnerung, die sich den Lesenden einpflanzt, in ihnen weiterlebt und neu geboren wird, sind die Gedichte Franziska Ostermanns, der ersten Preisträgerin des Liliencron-Nachwuchspreises. (Quelle: https://www.ndl-medien.uni-kiel.de/de/forschungsprojekte/liliencron-dozentur-fuer-lyrik)

2023 — 25. Liliencron-Dozentur: Ulf Stolterfoht
Mit Ulf Stolterfoht wird die 25. Liliencron-Dozentur an einen virtuosen Sprachspieler verliehen, der die Grenzen des Gedichts mit seiner experimentellen Lyrik erheblich ausgeweitet hat. Getreu dem Motto "Gedichte liest man nicht, um sie zu verstehen, sondern um das Verstehen besser zu verstehen" steht in seinem lyrischen Werk die sprachliche Verfasstheit der Welt selbst im Fokus. Sein Lebenswerk, die fachsprachen-Bände [I-XLV] - komplexe Textmixe aus den entlegensten Wortfeldern und Sprachwelten - sind eine fortdauernde Reflexion über die Mechanik und Logik der Sprache. Aus der organisierten und fröhlichen Verschiebung des Sprachmaterials entsteht - nicht zuletzt in seiner unnachahmlichen Performance - eine große Komik, die zugleich über die Frage nach der Sinnhaftigkeit der Sprache in eine existentielle Sphäre hinausweist. Für sein Werk wurde der 1963 in Stuttgart geborene Lyriker bereits mehrfach ausgezeichnet, u.a. mit dem Peter-Huchel-Preis 2008 sowie dem Preis der Literaturhäuser 2016.

2022 — 24. Liliencron-Dozentur: Volker Braun
Widerspruch und Widersprüchliches haben die Leser in Ost und West von Volker Braun in den sechzig Jahren seiner schriftstellerischen Arbeit viel erfahren. Je dreißig Jahre in DDR-Zeiten und dreißig Jahre danach hat der 1939 geborene Dramatiker, Prosaautor und Dichter in seinen Werken die jeweilige Wirklichkeit aufgenommen und sie kritisch konfrontierend auf das »Wirklichgewollte« hin abgeklopft, was dem hier wie dort unbequemen Dichter gleichwohl den Nationalpreis der DDR (1988) wie den Büchnerpreis (2000) eintrug und ihn schließlich zum Direktor Literatur der Akademie der Künste (2006 – 2010) machte.

Die 24. Liliencron-Dozentur ehrt den Dichter Volker Braun, der sich von den 60er Jahren an in Nachfolge Brechts als politischer Dichter verstand und in seinen Gedichten mit hoher stilistischer Souveränität und ausgeprägtem Formbewusstsein eine weite Bildwelt auffächert, die von antiker Mythologie bis in die Mythen der sozialistischen wie kapitalistischen Gesellschaft reicht, und diese mit marxistisch gegründeter Geschichtsphilosophie durchdringt. Aktuellsten Ausdruck von Brauns lyrischen Verfahren geben der Band „Große Fuge“ (2021), der den Zustand einer im Corona-Jahr 2020 zutiefst verstörten Gesellschaft vorführt, und die „Luf-Passion“ (2022), die die Debatte um koloniales Raubgut und deutsche Kolonialverbrechen im Zusammenhang, der Ausstellung des Luf-Bootes aus Papua-Neuguinea im Humboldt Forum aufnimmt. Die „Luf-Passion steht im Zentrum der Poetikvorlesung von Volker Braun, die der Lesung querbeet durch sein dichterisches Werk am ersten Tag der „Liliencron-Dozentur“ folgen wird.

2021 — 23. Liliencron-Dozentur: Max Czollek
Mit der Wahl Max Czolleks würdigt die Jury das Engagement des Autors, den Grenzbereichzwischen Lyrik und politischem Kommentar auszuloten. Spätestens seit seinen Sachbüchern und Streitschriften „Desintegriert euch!“ (2018) und „Gegenwartsbewältigung“ (2020), beide beim Hanser Verlag erschienen, gilt der Lyriker und Publizist Max Czollek als „unermüdlicher Kämpfer für eine plurale Gesellschaft“. Seine Lyrik ist eine Auseinandersetzung mit der gegenwärtigen jüdischen Identität und der einseitigen Rolle, die Minderheiten von einer deutschen Mehrheitsgesellschaft zugeschrieben wird. Er kommentiert den gesellschaftlichen Diskurs und zeigt die Doppelbödigkeit der deutschen Sprache auf. Dichtung reicht bei Max Czollek in gesellschaftliche und politische Felder hinein und ist „immer auch ein Sprechen der Vergangenheit: eine Form von Gegenwartsbewältigung“(aus dem Klappentext zu „Grenzwerte“).

Max Czollek, 1987 in Berlin geboren, ist Mitglied des Lyrikkollektivs G13 und Mitherausgeber der Zeitschrift Jalta – Positionen zur jüdischen Gegenwart. Er co-kuratierte 2016 den Desintegrationskongress und 2017 die Radikalen Jüdischen Kulturtage am Maxim Gorki Theater. Die Gedichtbände „Druckkammern“, „Jubeljahre“ und „Grenzwerte“ erschienen im Verlagshaus Berlin. Die Streitschrift „Gegenwartsbewältigung“ von 2020 ist jüngst für den Bayerischen Buchpreis in der Kategorie Sachbuch nominiert worden.

2020 — 22. Liliencron-Dozentur: Marion Poschmann
Marion Poschmann ist eine vielfach ausgezeichnete Schriftstellerin, deren Lyrik und Prosa die deutsche Gegenwartsliteratur prägt. Ihr im Jahr 2017 erschienener Roman »Die Kieferninseln« (2017) stand auf der Shortlist des Man-Booker-Preises und des Deutschen Buchpreises. Zusätzlich zu ihren vier Gedichtbänden, »Verschlossene Kammern« (2002), »Grund zu Schafen« (2004), »Geistersehen« (2010) und »Geliehene Landschaften« (2016), veröffentlichte die Schriftstellerin den Essayband »Mondbetrachtung in mondloser Nacht – Über Dichtung« (2016). Das Marion Poschmanns Lyrik eignende Verfahren der dichten Beschreibung mündet hier wie dort in ein Nachdenken über die Möglichkeiten der Poesie.

2019 — 21. Liliencron-Dozentur: José F. A. Oliver
José F. A. Oliver ist ein Wandler zwischen den Welten. Als Sohn andalusischer Einwanderer lebt und arbeitet er in Hausach im Schwarzwald. Seine lyrischen Sprach- und Gedankenexperimente sind vieles zugleich: zugeneigte Beobachtung des Alltags in der heimatlichen Provinz, kritischer Kommentar auf die politisch-gesellschaftliche Großwetterlage in Deutschland und der Welt und Versuch der sprachlichen Integration kulturell-familiärer Traditionen. Über allem schwebt das in der Sprache manifest werdende Austarieren einer hybriden Identität zwischen Fremdsein und Ankommen, einer "Eigenfremde" - womit Olivers Werk wohl aktueller als je zuvor sein dürfte. Zuletzt erschien im Frühjahr 2018 der Gedichtband "wundgewähr".

2018 — 20. Liliencron-Dozentur: PeterLicht
Der diesjährige Liliencron-Dozent PeterLicht singt das Lob der Realität. Seit fast zwanzig Jahren verbindet der in Köln lebende Musiker und Autor Schreibweisen der Popkultur mit gesellschafts- wie kapitalismuskritischen Elementen. Sein OEuvre umfasst dabei Bearbeitungen klassischer Dramentexte (z.B. Molières »Der Geizige«, 2014) wie eingängige Popsongs (z.B. »Sonnendeck«, 2000), Gedichte, Kurzessays, Zeichnungen wie eine Kolumne in der Süddeutschen Zeitung. 2007 wurde PeterLicht in Klagenfurt mit dem 3-Sat-Publikumspreis ausgezeichnet; 2014 mit seinem Stück »Der Menschenfeind« auf die Biennale in Venedig eingeladen.

Die Liliencron-Dozentur musste im Jahr 2017 leider ausfallen.

2016 — 19. Liliencron-Dozentur: Elke Erb
Die Gedichte der 1938 geborenen Lyrikerin Elke Erb sind nach Steffen Popp »Forschungen, die den Forschenden selbst verändern und sich eben um diese Veränderungen drehen, mit ihnen umgehen«. Zu ihren wichtigsten Arbeiten zählen die Bände »Kastanienallee« (1987), »Mensch sein, nicht« (1998), »Gänsesommer« (2005), »Sonanz« (2007) und zuletzt »Sonnenklar« (2015). Seit 1966 arbeitet Erb als freiberufliche Autorin und Übersetzerin, insbesondere russischsprachiger Lyrik. Für ihr Werk wurde sie vielfach ausgezeichnet, u.a. mit dem Ernst-Jandl-Preis und dem Georg-Trakl-Preis für Lyrik.

2015 — 18. Liliencron-Dozentur: Monika Rinck
Monika Rinck, geb. 1969 in Zweibrücken, lebt als Autorin in Berlin. Ihre L yrik vereint Gelehrsamkeit und Witz und springt virtuos zwischen den Registern. Da kippt die geistreiche Pointe in zarte Melancholie und zurück zum süßen Hohn. Zu ihren wichtigsten Gedichtbänden zählen »Verzückte Distanzen« (2004), »zum fernbleiben der umarmung« (2007), »Helle Verwirrung« (2009) sowie ihre »Honigprotokolle« (2012). Darüber hinaus tritt Rinck als Essayistin
und Hörbuchautorin hervor. In ihrem Online-Wörterbuch »begriffsstudio« sammelt und archiviert sie kuriose Begriffe, Fehlschreibungen, Verhörer, und verunglückte Formulierungen. Rincks Werke wurden mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet; in diesem Herbst wird ihr der Kleist-Preis verliehen.

Die Liliencron-Dozentur musste im Jahr 2014 aus Finanzierungsgründen ausfallen.

2013 — 17. Liliencron-Dozentur: Arne Rautenberg
Mit der 17. Kieler Liliencron-Dozentur wird ein Dichter ausgezeichnet, der Kiel von Geburt bis heute eng verbunden ist und sich in den letzten 15 Jahren bundesweit einen Ruf als Vertreter einer gleichermaßen spielerischen wie experimentellen Lyrik erschrieben hat. Arne Rautenberg schreibt auch Essays und Hörstücke und hat den Roman „Der Sperrmüllkönig“ publiziert. Sein literarischer Schwerpunkt ist aber die Lyrik, die in zahlreichen Einzeltiteln, in Anthologien und Schulbüchern vorliegt. Seine Gedichte nehmen die Sprache in ihrer Materialität und formen – oft auch graphisch – deren Bezüge um. So fügen sich im souveränen Spiel Gehalt und Gestalt der Sprache neu und machen sie sinnlich erfahrbar. Zugleich verweisen die Gedichte mit unverkennbar viel Humor über sich hinaus.

2012 — 16. Liliencron-Dozentur: Heinrich Detering
Heinrich Detering war auf Seiten der Universität Urheber der Liliencron-Dozentur, bis 2005 Ordinarius in Kiel, jetzt in Göttingen lehrend, durch Juryarbeit und zahlreiche Publikationen als Kenner wie passionierter Liebhaber von Lyrik profiliert und als Präsident der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung Mitglied des „Lyrischen Quartetts“, das gemeinsam von der Stiftung Lyrik Kabinett und der Akademie angeboten wird.

In diesem Jahr kehrt Heinrich Detering selbst als 16. Liliencron-Dozent nach Kiel zurück. Sein neuer Gedichtband »Old Glory« (Wallstein 2012) und eine Auswahl aus den vorhergehenden Bänden »Schwebstoffe« (2004) und »Wrist« (2009) bestimmen die Auftaktlesung am Montag, 3. Dezember, um 20 Uhr im Literaturhaus in Kiel. Deterings Gedichte balancieren zwischen Witz und Elegie, verbinden in formstrengen Versen leichtfüßig Geschichtliches mit dem geschauten Augenblick oder führen, wie in den oben zitierten Zeilen zum Glück, Abstraktes spielerisch und bildhaft auf Konkretes zurück.

2011 — 15. Liliencron-Dozentur: Nora Gomringer
"Das gesprochene Skript oder ›Das steht so aber nicht da!‹ – Was das Sprechen von Larynx und Lyrik verlangt" – mit diesem Titel für die Poetikvorlesung zur 15. Liliencron-Dozentur kündigt sich Nora Gomringer an. Die Lyrikerin, Spoken-Word-Poetin und Direktorin des »Internationalen Künstlerhauses Villa Concordia«, übernimmt 2011 die dreiteilige Dozentur, die aus Lesung, Vorlesung und einem Gesprächsabend zum Abschluss besteht.

Die Eröffnungslesung nimmt als Motto den Titel des jüngsten Gedichtbandes der Dozentin auf: »Mein Gedicht fragt nicht lange«. Nora Gomringer liest an diesem Abend daraus sowie aus "Nachrichten aus der Luft" und neueste Texte. Ein grundlegender Zug im Werk von Nora Gomringer ist für sie die Verbindung der Kunst der Dichtung und der Kunst der Performance, was vor allem in der Form des Poetry Slams zur Geltung kommt. Seit Jahren richtet sie selbst solche Wettbewerbe aus und tritt auch mit großem Erfolg bei ihnen auf. In der mündlichen Präsentation der Dichtung geht für die Dichterin aber nicht verloren, dass auch der geschriebene Text überzeugen muss. Wiederholt hat sie die Beziehung von Skript und Rezitation, »Lyrik und Larynx« zum Gegenstand der Reflexion gemacht, eine Qualität, die sich auch in der Auszeichnung mit dem diesjährigen Jakob-Grimm- Preis niederschlägt. Poetische Reflexion der Slam Poetry und des eigenen Werks wird bei der Liliencron-Dozentur im Mittelpunkt stehen und wird auch die nächste Publikation von Nora Gomringer bestimmen, die Sammlung essayistischer Texte "Ich werde etwas mit der Sprache machen".

2010 — 14. Liliencron-Dozentur: Franz Josef Czernin
„Die ganze Tafel. Zum Lesen und Schreiben von Gedichten" - mit diesem Titel für die Poetikvorlesung zur 14. Kieler Liliencron-Dozentur kündigt sich Franz Josef Czernin an. Der österreichische Dichter übernimmt 2010 die dreiteilige Dozentur, die aus einer Lesung querbeet durch sein seit 1978 entstandenes dichterisches Werk, einer Poetikvorlesung und einem Gesprächsabend mit Hans-Edwin Friedrich und Claus-Michael Ort, Professoren der Literaturwissenschaft an der Christian-Albrechts-Universität bestehen wird. Das Motto dieses Gesprächs „Literarische Gegenwart und Tradition" verweist auf das grundlegende Element des Czerninschen Dichtens. Als Lyriker verknüpft er in großen Zyklen virtuos lyrische Traditionen vom Barock bis zum Symbolismus mit den experimentellen Möglichkeiten der Gegenwartsdichtung. Dabei gilt sein besonderes Interesse dem Sonett, was sich auch in seinen 1999 erschienenen Übersetzungen der Sonette Shakespeares und in literaturwissenschaftlichen Essays ausdrückt („Die Kunst des Sonetts", 1985; „Elemente, Sonette", 2002).

Czernin, 1952 in Wien geboren, hat auch Prosa, Theaterstücke und Aphorismen publiziert. In dem Band „staub.gefässe", 2008 im Hanser Verlag erschienen, ist sein Werk in einer umfassenden Auswahl nachzulesen, die alle Facetten seiner Dichtung sichtbar macht. Seinen über den deutschsprachigen Raum hinausgehenden Ruf als einer der ungewöhnlichsten Dichter unserer Zeit verdankt Czernin aber vor allem dem lyrischen Schaffen und seinem unermüdlichen Interesse am Prozess des Schreibens wie des Lesens, das sich auch im Titel seiner Kieler Poetikvorlesung wiederfindet.

2009 — 13. Liliencron-Dozentur: F.W.Bernstein
F.W. Bernstein gilt als Sprachjongleur und Großmeister der deutschen Hochkomik, der seit mehr als 40 Jahren mit Gedichten, Dramen, Zeichnungen und Cartoons das Lachen hervorzaubert, ohne die Reflexion und Selbstreflexion dranzugeben und mit manchem Zweizeiler fast sprichwörtlich geworden ist. Bernstein, mit bürgerlichem Namen Fritz Weigle, geboren 1938, studierte an der Hochschule für Künste Berlin, wo er ab 1984 auch eine Professur für Karrikatur- und Bildgeschichte innehatte. Im »tänzelnden Gleichschritt mit Robert Gernhardt« (Uwe Wittstock) war er ab 1964 Redakteur der Satirezeitschrift »pardon«, Mitbegründer der »Neuen Frankfurter Schule« und nach 1979 eine Säule der Zeitschrift »Titanic«. Seine zahlreichen Publikationen haben ihm zahlreiche Preise eingebracht, zuletzt den »Wilhelm-Busch-Preis 2008/2009«.

2008 — 12. Liliencron-Dozentur: Marcel Beyer
Eine Lesung des Dozenten quer durch sein lyrisches Werk, eine Poetikvorlesung und ein Abschlussgespräch mit einem Gast seiner Wahl - das ist der Gang der Kieler Liliencron-Dozentur, die in diesem Jahr Marcel Beyer übernimmt. Der 1965 in Tailfingen geborene, in Kiel und Neuss aufgewachsene und jetzt in Dresden lebende Schriftsteller ist seit seinen literarischen Anfängen Ende der 80er Jahre der Lyrik eng verbunden, auch wenn seine öffentliche Bekanntheit stärker an Romane wie „Flughunde" oder „Kaltenburg" (2008 für den „Deutschen Buchpreis" nominiert) geknüpft ist. Im Zentrum von Beyers lyrischem Schaffen steht die Durchmessung von Raum und Zeit wie im Gedichtband „Falsches Futter" (1997), in dem er Spuren des Nationalsozialismus nachgeht. In „Erdkunde" (2002) folgt die historisch-geographische Reise durch den Osten. Eine erste poetologische Grundierung seines Schaffens unternimmt Beyer 2003 in „Nonfiction". Dort setzt er sich mit den poetologischen Vorgaben und lebensgeschichtlichen Hintergründen der Arbeit mit Sprache auseinander. Auch als Herausgeber, Übersetzer und Essayist spielt er eine wesentliche Rolle in der deutschsprachigen Lyrik.

Für das Abschlussgespräch zur Dozentur hat Marcel Beyer mit Ulf Stolterfoht einen Kollegen eingeladen, der sich mit Gedichtbänden (zuletzt "traktat vom widergang" und „holzrauch über heslach") einer Übertragung von Gertrude Steins „Winning His Way" und Essays als wichtiger Protagonist sprachkritischer Lyrik profiliert hat. Das Gespräch der beiden vielfach für ihre Arbeit ausgezeichneten Schriftsteller richtet sich ganz auf die Sprache der Lyrik, geht dem Zusammenhang von Herkunft und Sprachfärbung, dem Zauber unbekannter Wörter, der Geschichte, die Wörter mitschleppen, oder auch dem Unterschied zwischen Küste und Bergland nach.

2007 — 11. Liliencron-Dozentur: Brigitte Oleschinski
»Poesie ist kein zu großes Wort für Brigitte Oleschinskis Dichtung«, urteilt ein Rezensent nach Lektüre des zuletzt erschienenen Gedichtbandes ›Geisterströmung‹(2004) und schlägt dabei den Bogen bis zum Erstling ›Mental Heat Control‹ (1990). Brigitte Oleschinski hat im Rückblick von anfänglichen »Grabungen im Trauma-Gelände der Nazi-Geschichte« gesprochen, von weltumspannenden Digitalisierungsprozessen der Neunziger (in denen ihr zweiter Gedichtband ›Your Passport is not Guilty‹ erschienen ist), schließlich von den Körpergrenzen des Rationalen, die im Gedicht aufgehoben werden können: Verse als Ereignis, Erscheinung und Geschenk.

Brigitte Oleschinski wurde 1955 in Köln geboren, studierte an der Freien Universität Berlin, arbeitete als Zeithistorikerin (Promotion mit einer Arbeit über ›Gefängnisseelsorge zwischen Republik und Diktatur, 1918-1945‹). Sie wurde mehrfach ausgezeichnet: 1998 mit dem Peter-Huchel-Preis, 2001 mit dem Ernst-Meister-Preis für Lyrik, 2004 mit dem Erich-Fried-Preis. Seine Laudatio zu letzterem schloss Wilhelm Genazino mit den Worten, sie erhalte den Preis, »weil das Gedicht in ihren Händen und in ihrem Kopf etwas Wandelbares, d. h. etwas Lebendiges ist, das uns herausfordert und gleichzeitig beglückt, das uns verwirrt und gleichzeitig sammelt, das uns benutzt und gleichzeitig belohnt.« Dieses Wandelbare findet in hohem Maße auch im mündlichen Vortrag von Brigitte Oleschinski Ausdruck. Ihr lyrisches Schaffen hat die Liliencron-Dozentin wiederholt mit sehr poetischen ›Poetiken‹ begleitet: ›Wie Gedichte denken‹ ist Thema des Bandes ›Reizstrom in Aspik‹ (2002), ›Wie Gedichte singen‹ lässt sich in ›Argo Cargo‹ (2003, mit CD) nachspüren. In Kiel folgt der Ausblick ›Zur Zukunft der Poesie - und was sie, vielleicht, mit der zeitgenössischen Lyrik zu tun hat‹.

2006 — 10. Liliencron-Dozentur: Michael Lentz
Michael Lentz rüttelt an den Stäben des Sprachkäfigs wie Isidore Isou, Jesse Thor oder des lautpoetischen Pioniers Franz Mon. Geboren 1964 im westfälischen Düren, hat er nach dem Studium der Germanistik, Geschichte und Philosophie mit einer Arbeit über ›Lautpoesie/ -musik nach 1945‹ promoviert und ist seit 2003 Präsident der Freien Akademie der Künste zu Leipzig. Die jüngsten Erfolge der Lentzschen Prosa (Ingeborg-Bachmann-Preis für ›Muttersterben‹, 2001; umjubelter Roman ›Liebeserklärung‹, 2003) sind ohne das lyrische Fundament des ›National Poetry Slam‹-Preisträgers (1998) kaum denkbar. Mit den ›Neuen Anagrammen‹ von 1998 wie auch mit den drei Jahre später erscheinenden Sprechakten des Bandes ›ENDE GUT‹ (mit CD) gelingt ihm eine Neujustierung des Verhältnisses von Stimme und Schrift. In diesen poetisch reiz-vollen Kosmos reiht sich auch Lentz' Tätigkeit als Anthologieherausgeber und Beförderer ›Verschollener und Vergessener‹.

Im Jahr 2003 erscheint im S. Fischer Verlag ›Aller Ding‹, ein rund zweihunderseitiger Lyrikband, der den einen als »temperamentvolles Kompendium experimenteller Lyrik des 20. Jahrhunderts« gilt, den anderen als Abschied von der Avantgarde, als Zeugnis »der letzten Dinge der Poesie und des Lebens«. Anfang 2005 erweitert Lentz die Debatte über das eigene Werk mit zehn provokanten Thesen zur Lyrik der Gegenwart - durch die noch immer gültige Leitfrage: »Welche Richtung weist uns die Poesie?« www.michaellentz.com/ 

2005 — 9. Liliencron-Dozentur: Ulrike Draesner
Ulrike Draesner, geboren 1962 in München, studierte Anglistik, Germanistik und Philosophie in München und Oxford und promovierte 1992 mit einer Arbeit über Intertextualität in Wolfram von Eschenbachs Parzival. Mit ihrem Debütband "gedächtnisschleifen2, der mit dem Leonce-und-Lena-Förderpreis ausgezeichnet wurde, schrieb sich die Autorin 1995 in einem doppelten Sinne in die Gegenwartslyrik ein: Die gedächtnisschleifen tangieren etwa Texte von Friederike Mayröcker, Thomas Kling oder Durs Grünbein und ziehen im Ineinander einer spielerischen Sprach-besessenheit und exakten Genauigkeit der Bilder doch ihre eigenen Kreise. Draesner legte damit eine eigene Spur im Feld der neuesten deutschen Lyrik aus: Der Sonettzyklus "anis-o-trop", der Gedichtband "für die nacht geheuerte zellen" und zuletzt "kugelblitz" (2005) folgten. Daneben erschienen Romane "Lichtpause" und "Mitgift", Erzählungen "Reise unter den augenlidern" und "Hot Dogs" und Übersetzungen, etwa die „Radikalübersetzungen der Shakespearesonette": to change the subject. Multimediale Gedicht-Inszenierungen oder die Mitarbeit an neuedichte.de, einer „Topologie der poetisch-poetologischen Landschaft" des dritten Jahrtausends, verorten ihre Gedichte in einem offenen gesellschaftlichen Raum und loten die Möglichkeit von Lyrik aus, Reflexionspotential in einer zunehmend medialen, zunehmend (bio-)technisierten Welt zu sein.

Die Intensität der oft verblüffenden Bilder von Ulrike Draesner, das Spiel mit Sprachklängen und Rhythmus, mit Wortfeldern und Assoziationen wird nicht zum Selbstzweck, schneidet Sprache nicht von der Wirklichkeit ab, sondern nimmt diese vielmehr in der Sprache auf. Der zugleich sinnliche und exakte Sprachgebrauch macht ihre Texte zu einem Erfahrungsraum, in dem das Ich und die Sprache nicht zu trennen sind: „zu sein, was sprache zugelassen hat / und ihre diversen durchstechungen / fortzusetzen. [...]." Die Lyrik Draesners zeigt, was Sprache zulassen kann: Sie macht den Leser atemlos, irritiert und fasziniert, berührt und trifft.

2004 — 8. Liliencron-Dozentur: Oskar Pastior
Oskar Pastior ist, wenn dieser Ausdruck keinen Selbstwiderspruch bedeutet, ein Klassiker der  Gegenwartsdichtung. Geboren 1927 in Siebenbürgen (Rumänien), als Schüler 1945 – 1949 deportiert in sowjetische Arbeitslager, veröffentlichte er seinen ersten Gedichtband "Offne Worte" 1964 in Bukarest; ein Jahr später folgte die Sammlung Gedichte. Unter zunehmender Bedrängnis verließ der Dichter das stalinistische Rumänien und ging nach Berlin, wo er seit 1969 lebt. Sein noch in Rumänien entstandener, bereits in Westdeutschland erschienener Band "Vom Sichersten ins Tausendste" (bei Suhrkamp 1969) machte den Autor augenblicklich zu einem Hauptvertreter der sprachexperimentellen Poesie. Sein seitheriges dichterisches Werk, das in einer Fülle von Buchpublikationen und Tondokumenten les- und hörbar ist, seine Übertragungen u.a. von Tristan Tzara, Velimir Chlebnikov oder Gertrude Stein und seine Mitarbeit bei OULIPO, der Werkstatt für Potentielle Literatur, begründeten das auch international hohe Ansehen des Dichters. Pastiors Poesie – nicht selten ergänzt um eigene Zeichnungen – macht Ernst mit der philosophischen Idee, die Grenzen unserer Sprache seien die Grenzen unserer Welt. Nicht mehr auf eine »Umwertung aller Werte« zielt sie, sondern ausdrücklich auf die »Umwortung aller Worte«. Mit unerschöpflicher Einfallskraft konstruiert Pastior Welten aus Wörtern und bringt sie in eine Bewegung, die nicht mehr zum Stillstand kommt. Indem er die Materialität der Sprache beim Wort, beim Laut, beim Buchstaben nimmt, erzeugt er eine Dichtung von zugleich intellektuellem und sinnlichem Reiz: ein sich selbst bearbeitendes Gewebe aus Zeichen und zugleich ein Klangraum neuer Musik, ein Spiel mit Anagrammen und Palindromen, mit Antike und Gegenwart, klassischer Literatur und neuen Medien, Renaissance und Neverland. Was so entsteht, ist eine Sprache im technischen Zeitalter, in der zugleich etwas hörbar wird vom Ursprung aller Poesie.

2003 — 7. Liliencron-Dozentur: Ilma Rakusa
Unter den deutschsprachigen Autoren der Gegenwartsliteratur dürfte es wenige geben, deren Werk unter so entschieden europäischen Vorzeichen entstanden ist wie das der Ilma Rakusa. Geboren als Tochter einer Ungarin und eines Slowenen, ist sie in Ungarn, Slovenien und Italien aufgewachsen; nach Studienaufenthalten in Frankreich und Russland lebt sie in Zürich. Damit wird nun auch zum ersten Mal eine Dichterin aus der Schweiz die Kieler Liliencron-Dozentur wahrnehmen. Ihr umfangreiches, mehrfach preisgekröntes Werk umfasst Erzählungen und Übersetzungen, poetologische Essays, Literaturkritik  (u.a. in der »Zeit« und der »Neuen Zürcher Zeitung«) und immer wieder Lyrik. Von ihrem Debütband »Wie Winter« (1977) über das Experiment »Ein Strich durch alles. Neunzig Neunzeiler« (1997) bis zu dem jüngsten Band »Love after Love. Acht Abgesänge« (2001) hat sie eine immer dichtere, konzentriertere poetische Sprache entwickelt, in der Auseinandersetzung mit den Traditionen der europäischen Moderne, der sich Ilma Rakusa auch als Übersetzerin gewidmet hat. Dazu gehören die Dichtungen Marina Zwetajewas und Anna Achmatowas, aber auch Prosa und Dramen aus dem Französischen, Russischen, Serbokroatischen und Ungarischen, von Tschechow und Danilo Kisˇ bis zu Marguerite Duras und dem Träger des Literaturnobelpreises 2002, Imre Kertész. Ilma Rakusa ist Mitglied im Präsidium der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung.


Neun Zeilen die Länge eines
Notats Windstoß ein halber
Gedanke Bild in der Kelle des
Anfangs Bange und Stoßgebet
alles
und der Wunsch nach dem Ganzen
Wort wie Hand wie Wärme wie Tango
wie Land auch Landschaft und Heimat
und Meer das sehr fehlt
- Ilma Rakusa

 

2002 — 6. Liliencron-Dozentur: Dagmar Leupold
Dagmar Leupold, Kieler Liliencron-Dozentin im Sommersemester 2002, hat mit ihrer erzählenden Prosa und ihren aphoristischen Arbeiten ebenso viel Aufmerksamkeit geweckt wie mit ihrer Lyrik. Wo von Dichterinnen in der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur die Rede ist, wird mit Gewissheit auch der Name Dagmar Leupolds genannt werden. Seit dem 1988 erschienenen Band "Wie Treibholz" hat sie drei weitere Gedichtbände veröffentlicht. "Eccoci qua" (1993, mit Fotografien von Wolfgang Kaiser), "Die Lust der Frauen auf Seite 13" (1994) und zuletzt "Byrons Feldbett" (2001); der Band "Destillate" (1996) vereint Gedichte und kurze Prosa. 1988 erschienen außerdem die Nachdichtungen von Cesare Paveses "Sämtlichen Gedichten" (mit Michael Krüger und Urs Oberlin). Dass die mit diversen Literaturpreisen ausgezeichneten, "klug bedachten und klug gemachten Gedichte" Dagmar Leupolds (Wulf Segebrecht in der FAZ) in der Kritik immer wieder umstritten gewesen sind, ist das erste Indiz für ihre Provokationskraft und Lebendigkeit. Zart und energisch, oft von eleganter Leichtigkeit, in einem klaren Sprachfluss, der gesättigt ist mit Intertextualität, verbinden diese Texte präzise Bildlichkeit mit Reflexionen, die sich bewusst in die Tradition dessen stellen, was in Deutschland oft mit rasch abwertendem Unterton "Gedankenlyrik" genannt worden ist. In ihrem Bemühen um die "Behauptung subjektiver Autonomie gegen jede Form der Fremdbestimmung" (Ralph Georg Czapla im KLG) setzt sich Dagmar Leupold mit den existenziellen und elementären Themen von Liebe und Verlusterfahrung, Hoffnung und Angst auseinander und nicht zuletzt mit den Möglichkeiten und Grenzen der Kunst selbst. "Kunst", heißt es in einem frühen Gedicht, "ist der Aufstand der Steine / gegen des Wassers Werk".

2001 — 5. Liliencron-Dozentur: Harald Hartung
Harald Hartung (Jahrgang 1932) vereint in sich alle Qualitäten, die man sich von einem Poetikdozenten nur wünschen könnte. Er selbst hat sich als "Kritikopoeten" bezeichnet, eine "Personalunion von Lyriker und Essayist". Als Lyriker ist er mittlerweile zu einem der wichtigen Namen der deutschen Gegenwartsliteratur geworden (von "Hase und Hegel", 1970, bis zu "Jahre mit Windrad", 1996; ein neuer Band wird in nächster Zeit erscheinen). Als Literaturwissenschaftler hat er die Poesie nicht nur theoretisch erforscht (von "Experimentelle Literatur und Konkrete Poesie" bis zu "Masken und Stimmen"), sondern auch in der Praxis gelehrt (zuletzt an der Universität Leipzig). Als Literaturkritiker und Essayist schreibt er seit vielen Jahren unter anderem für das Feuilleton der "FAZ". Und nicht zuletzt hat er die schönste, kenntnisreichste und meistgerühmte Anthologie der Weltpoesie seit Enzensbergers "Museum der modernen Poesie" vorgelegt: den Band "Luftfracht. Internationale Poesie 1940 - 1990", 1991. Ihm folgte, zur Jahrhundertwende, die Sammlung "Jahrhundertgedächtnis. Deutsche Lyrik im 20. Jahrhundert". Für seine eigene Dichtung hat Harald Hartung bedeutende internationale Auszeichnungen erhalten. Sie verwirklicht exemplarisch, was der Essayist Hartung lange proklamiert hat: "eine Überwindung der sterilen Gegensätze vor Artistik und Engagement, hermetischer und offener Poesie oder wie die Gegensatzpaare sonst heißen" - man könnte diejenigen von Sinnlichkeit und Intellektualität, Lakonie und Musik hinzufügen. Seit 1997 ist Harald Hartung Mitglied der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung und gehört unter anderem der Jury des Georg-Büchner-Preises an.

2000 — 4. Liliencron-Dozentur: Thomas Rosenlöcher
Thomas Rosenlöcher (geb. 1947 in Dresden) lebt im sächsischen Kleinstrachwitz, das durch seinen ersten Gedichtband "Ich lag im Garten bei Kleinstrachwitz" (1982) deutsche Literaturgeschichte machte. Seither sind eine Reihe weiterer Gedicht- und Prosabände erschienen, zuletzt "Ich liege in Sachsen und schau in den Schnee" (1999). Die sanft schlitzohrigen Gedichte Rosenlöchers gehören zu den eigenwilligsten der wiedervereinigten deutschen Literatur. Seine freien Verse und Emblemgedichte, Sonette und Elegien handeln von der Schönheit der Gärten und der Selbstbehauptung gegen die Macht, vom Lieben und Alleinsein; und sie zeigen die Erfindung der eigenen Sprache im liebevoll-ironischen, manchmal parodistischen Rückgriff auf poetische Traditionen, die über Liliencrons Impressionismus, Eichendorffs Romantik, Brockes' aufgeklärte Naturpoesie und das Barock zurückreichen bis zur antiken Bukolik. Seine Tagebücher und Essays über das Leben in der endenden DDR und im vereinten Deutschland ("Die verkauften Pflastersteine", "Ostgezeter") sind poetische Zeitzeugnisse von großer Beobachtungsschärfe: scharfsinnig, witzig und selbstironisch.

Thomas Rosenlöchers Kieler Liliencron-Vorlesungen stehen unter dem Titel "Das Murmeln von Worten im Gehen". Sie sind wie immer öffentlich und sollen Auskunft geben über Handwerk und Intuition beim Gedichteschreiben, über den Umgang mit der lyrischen Tradition und den Schreibbedingungen in der DDR, über Schreibantriebe zwischen Angst, Idyllensehnsucht und utopischem Glücksversprechen.

1999 — 3. Liliencron-Dozentur: Dirk von Petersdorff
Schon die beiden ersten Gedichtbände des 1966 in Kiel geborenen Lyrikers und in Saarbrücken lehrenden Literaturwissenschaftlers Dirk von Petersdorff zeigen, wie sich im modernen Bewußtsein die Konturen der disparaten Sprach- und Zeitebenen auflösung ("Zeitlösung" ist der zweite Gedichtband betitelt). Werbeslogans jagen romantische Verse, philosophische Maximen zerschellen an modischen Anglizismen. Der Lyriker zappt kalkuliert zwischen den Bewußtseinskanälen hin und her.

Auch in den Prosaskizzen und Gedichte, die Petersdorff in seinem jüngsten, auf die "Confessiones" des Augustinus, die Bibel und die Sesamstraße gleichermaßen rekurrierenden Band "Bekenntnisse und Postkarten" versammelt hat, scheinen Banalität und Erhabenheit einträchtig in metaphysischer Entropie nebeneinander zu liegen. Petersdorff durchstöbert die Kammern des modernen Bewußtseins und findet Vorsatzstücke unserer Bildung ebenso wie Fragmente unserer Medienwelt. Hier scheint die Moderne am Vorabend der abendländischen Philosophie angekommen zu sein, scheinen sich die Enden der Parabel zu berühren: "Dort steht das Hohe neben dem Niederen, das Erhabene bei dem Witz, der Augenblick neben der Ewigkeit. Und Baudelaire neben den Talking Heads... Typisch, sage ich. Wie auch Heraklit sagt: Die schönste Welt ist wie ein aufgeschütteter Kehrichthaufen."

Für seine Gedichte und Essays wurde Dirk v. Petersdorff u.a. mit dem 1. Förderpreis des "Literarischen März" (1991), dem Hebbel-Preis (1994) und dem Kleist-Preis (1998) ausgezeichnet. Seine 1996 erschienene Dissertation "Mysterienrede. Zum Selbstverständnis romantischer Intellektueller" erhielt den Fakultätspreis der Christian-Albrecht-Universität. In seinen insgesamt drei Poetikvorlesungen beschäftigt sich Petersdorff mit dem Projekt der ästhetischen Moderne, das zum Stillstand gekommen scheint, und fragt nach den Möglichkeiten einer nicht mehr modernen Poetik.

1998 — 2. Liliencron-Dozentur: Raoul Schrott
Spätestens seit der Veröffentlichung des Romans "Finis terrae", einem Meisterstück der modernen Camouflage, das in einem divinatorischen Kunstgriff verlorene Quellen nachschöpft, hat der 1964 auf einer Atlantikpassage nach Brasilien geborene Raoul Schrott bewiesen, daß er souverän alle literarischen Register beherrscht und den Sprachenreichtum Europas mit seinen untergegangenen und abgelegenen Idiomen produktiv in Literatur umsetzt. Nach mehreren Gedichtbänden und zahlreichen Übersetzungen aus dem Katalanischen, Okzitanischen, Gälischen usw. hat Schrott mit seiner Gedichtanthologie "Die Erfindung der Poesie - Gedichte aus vier Jahrtausenden" einen kühnen Wurf gewagt. Von der frühen sumerischen Dichtung über die Römer bis hin zu den Poemen des Walisers Dafydd ap Gwilym zeigen diese von Raoul Schrott (teilweise mit Hilfe von Interlinearversionen) übersetzten Verse die Vielfalt der Poesie über Länder- und Zeigrenzen hinweg.

1997 — 1. Liliencron-Dozentur: Doris Runge
Mit Doris Runge eröffnet eine Schriftstellerin die Kieler Poetikdozentur für Lyrik, deren Stimme in der Gegenwartsliteratur Gewicht hat. Die in Cismar in Ostholstein lebende Lyrikerin, Prosaautorin und Essayistin wurde 1943 in Carlow (Mecklenburg) geboren und siedelte 1953 mit ihrer Familie nach Schleswig-Holstein über. 1976 zog sie in das "Weiße Haus" in Cismar, wo sie seither lebt und schreibt. Die ersten Gedichte veröffentlichte Doris Runge 1981, ihr erster Gedichtband "jagdlied" erschien 1985. Inzwischen sind drei weitere Gedichtbände (zuletzt 1996 "grund genug"), Prosa und Essays u.a. über die Frauengestalten im Romanwerk Thomas Manns, erschienen. 1985 erhielt Doris Runge den Friedrich-Hebbel-Preis, 1992 wurde sie mit dem GEDOK-Preis ausgezeichnet.

Doris Runges Lyrik gründet in einer zweifachen Sprachlosigkeit: der des seiner angestammten Erfahrungsräume beraubten Subjekts und einer Avantgarde, die sich in der experimentellen Ausbeutung sprachlicher Mittel verbraucht hat. Was bleibt, ist die Stimme eines Ichs, das in seiner Schriftgestalt syntaktischen und orthografischen Zwängen enthoben ist. Der Einsatz des lyrischen Instrumentariums zeugt von einer Zurücknahme auf das sprachlich Notwendige. "Runges Lyrik zieht ihre Kraft aus der Genauigkeit der Bilder, aus der Konzentration des Blicks, aus der Knappheit der Diktion" (Michael Neumann). Die Gedichte lenken in ihrer Vieldeutigkeit und Abstraktion den Blick des Lesers vor und zurück und heben so die zeitliche Linearität auf.